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Gehörlosigkeit
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Gehörlosigkeit bezeichnet das vollstÀndige oder weitgehende Fehlen der HörfÀhigkeit bei Menschen. Laut dem Deutschen Gehörlosenbund sind etwa 0,1 % der Bevölkerung in Industrienationen von Gehörlosigkeit betroffen.
Contents
âą Begriff
âą Kultur
âą Eigene Sprache
âą Lautsprache
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Begriff
Der medizinische Ausdruck fĂŒr Taubheit lautet lateinisch Surditas. Der Ausdruck gehörlos entstand im deutschen Sprachraum nach der EinfĂŒhrung der allgemeinen Schulbildung fĂŒr taube Kinder im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts (Der mittelhochdeutsche Terminus fĂŒr Taubheit bzw. Gehörlosigkeit war ungehörde.cite-ref-1[1]). Tritt eine HörschĂ€digung erst nach dem Alter des natĂŒrlichen Spracherwerbs ein, spricht man von âpostlingualerâ oder âSpĂ€t-Ertaubungâ.
Circa 98 % der so genannten nicht hörenden Menschen haben ein Restgehör. Dabei ist der Begriff Gehörlosigkeit synonym zu Begriffen wie âhochgradige Schwerhörigkeit bzw. HörschĂ€digungâ, âResthörigkeitâ oder âTaubheitâ. Es handelt sich um EinschrĂ€nkungen der HörfĂ€higkeit, bei denen akustisch entweder gar nichts oder entsprechende Reize nur noch mit Hörhilfen wie einem HörgerĂ€t oder z. B. einem Cochlea-Implantat wahrgenommen werden können. Ob Gesprochenes mit diesen Hörhilfen verstanden wird, ist individuell verschieden.
Die Bezeichnung taubstumm wird von manchen gehörlosen Personen als diskriminierend empfunden, weil der Wortteil 'stumm' eine negative Konnotation enthalte und gegen gehörlose Personen manchmal in der Bedeutung von âdummâ oder âunfĂ€higâ gehandhabt werde. Gehörlose Menschen erachten dabei SprechfĂ€higkeit weniger wesentlich als KommunikationsfĂ€higkeit. Sie können durchaus kommunizieren, sei es in GebĂ€rdensprache oder in Lautsprache. Der mittlerweile ĂŒberholte Oralismus bezeichnet eine alleine auf Sprache fixierte Kommunikationserziehung von tauben und schwerhörigen Kindern, bei der auf GebĂ€rdensprache weitgehend verzichtet werden solle.
Ursachen und Feststellung von Gehörlosigkeit
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In der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10) wird Taubheit zusammen mit sonstiger Schwerhörigkeit als Hörverlust in den Abschnitten H90 und H91 kodiert.
Taubheit kann auch anders als durch eine BeeintrĂ€chtigung der Hörorgane bedingt sein. So bezeichnet âZentrale Taubheitâ den Sachverhalt, dass die Hörorgane intakt und funktionsfĂ€hig sind, jedoch im Gehirn keine Verarbeitung der HöreindrĂŒcke erfolgt. Davon abzugrenzen ist psychogene Taubheit, die im Kapitel F als psychische Störung kodiert wird.
In Bezug auf Taubheit (lateinisch: Surditas) wird nach totaler Taubheit fĂŒr alle Schallreize oder noch vorhandener Wahrnehmung einzelner Töne unterschieden. Das physikalisch definierte AusmaĂ der Taubheit wird in der Regel mit einem audiometrischen Verfahren festgestellt, dessen Ergebnis das Audiogramm ist. Aus diesem lĂ€sst sich der Grad der Hörbehinderung feststellen.
Erworbene Taubheit (Innenohrschaden) kann als Folge von z. B. (Meningokokken-)Meningitis, Enzephalitis, Scharlach, Masern, Tuberkulose, Osteomyelitis, Mittelohr-Erkrankungen, Otosklerose, (Baro-)Trauma u. a. (bei absoluter Taubheit stets mit Innenohr- oder Hörnervbeteiligung) auftreten.
Angeborene Taubheit kann entweder vorgeburtlich durch Röteln-Embryopathie, Rh-InkompatibilitÀt mit Kernikterus, Labyrinthitiskonnatale (Syphilis) oder Vererbung (meist autosomal-rezessiv) sowie durch Syndrome entstehen. Bekannte Syndrome sind unter anderem das Usher-Syndrom (EinschrÀnkung des Sichtfelds) oder das Waardenburg-Syndrom (Pigmentanomalien in Haut, Haaren oder in den Augen, beispielsweise verschiedene Irisfarben). Weitere Syndrome sind z. B. das Alport-, Jervell-Lange-Nielsen-, Cockayne- und Pendred-Syndrom.
Eine von Geburt an vorliegende BeeintrĂ€chtigung des Hörens wurde hĂ€ufig erst spĂ€t erkannt. Das Alter bei der Erkennung von Taubheit liegt ohne entsprechende Neugeborenenhörscreeningprogramme im statistischen Durchschnitt bei etwas mehr als zwei Jahren. Seit 2009 ist das Neugeborenenhörscreening in Deutschland eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. In Ăsterreich und der Schweiz und weiteren LĂ€ndern gibt es Ă€hnliche Programme. Bei diesem Verfahren wird das Neugeborene bereits ein oder zwei Tage nach der Geburt (in der Klinik) auf seine HörfĂ€higkeit getestet, um möglichst frĂŒhzeitig eine angeborene Hörstörung zu erkennen.
Diagnose und Differentialdiagnose
Die Diagnose erfolgt durch spezielle Hörtests. Bei Neugeborenen und Kleinkindern wurden frĂŒher akustische Signalgeber verwendet, die einen reflektorischen Lidschluss auslösen sollten. Bei seinem Ausbleiben wurde eine Gehörlosigkeit vermutet.cite-ref-akk-2-0[2] Das Verfahren weist jedoch erhebliche Ungenauigkeiten auf, weshalb es zur aussagekrĂ€ftigen Diagnostik frĂŒhkindlicher HörschĂ€digungen unbrauchbar ist. Standard heute sind bei Neugeborenen und kooperationsunwilligen/-fĂ€higen Patienten OAE-Verfahren und die BERA, darĂŒber hinaus altersabhĂ€ngig unterschiedliche Hörtestverfahren.
Es gibt eine Reihe von Störungen, von denen die Gehörlosigkeit genau abzugrenzen ist, z. B.
âą bewusstes âNicht-Hören-Wollenâ
⹠Schwerhörigkeit
âą Autismus
âą Aufmerksamkeitsstörung, vorwiegend unaufmerksamer Typ (âTrĂ€umsuseâ, âBegriffsstutzigkeitâ)
âą Schizophrenie mit Spracharmut (Alogie) und Abschottung von Ă€uĂeren EindrĂŒcken (siehe auch: Schizophreniekonzepte)
⹠Angststörung und soziale Phobie
Diese Störungen lassen sich z. B. durch weitere Merkmale (wie etwa Sozialverhalten, Kommunikation, Sprechen oder Nicht-Sprechen) differenzieren.
Kultur
Eigene Sprache
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Hauptartikel
:
GebÀrdensprache
Es gibt nicht die eine, universelle GebĂ€rdensprache. In verschiedenen LĂ€ndern bzw. Kulturbereichen gibt es verschiedene, voneinander unabhĂ€ngige GebĂ€rdensprachen, die wie bei Lautsprachen verschiedene Grade an Verwandtschaft aufweisen und Dialekte haben und regional variieren. Beispielsweise ist die Deutsche GebĂ€rdensprache (DGS) nicht nĂ€her mit der Ăsterreichischen GebĂ€rdensprache (ĂGS) verwandt, letztere jedoch mit der Deutschschweizer GebĂ€rdensprache (DSGS). Innerhalb der Schweiz wiederum gibt es fĂŒr die zwei anderen groĂen KulturrĂ€ume separate GebĂ€rdensprachen: In der Romandie die Westschweizer GebĂ€rdensprache (LSF-SR) und in der italienischen Schweiz die Tessiner GebĂ€rdensprache (LIS-SI), Dialekte der Französischen GebĂ€rdensprache (LSF) bzw. der Italienischen GebĂ€rdensprache (LIS). Die Verwandtschaft von GebĂ€rdensprachen eines Kulturraums korreliert nur schwach mit der Verwandtschaft der entsprechenden Lautsprachen. So ist die DGS eng mit der Polnische GebĂ€rdensprache (PJM) und der Israelischen GebĂ€rdensprache (ISL/Shassi) verwandt. GebĂ€rdensprachen in ehemaligen Kolonien sind oft von der vorherrschenden GebĂ€rdensprache der Kolonialmacht abgeleitet.
Die spezifische Sprache eines Gehörlosen ist typischerweise die GebÀrdensprache ihrer betreffenden gebÀrdensprachlichen Umgebung, die sich immer da entwickelt, wo sich zwei oder mehr gehörlose Menschen treffen. Personen, bei denen die Muttersprache eine GebÀrdensprache ist, denken auch in dieser Sprache.
Auch Hörende benutzen GebĂ€rdensprachen, nicht nur im Umgang mit gehörlosen Personen, sondern auch untereinander, z. B. von Verwandten und Freunden von gehörlosen Personen, GebĂ€rdensprachdolmetschern, PĂ€dagogen oder allgemein an GebĂ€rdensprache interessierten Menschen und untereinander bei den nordamerikanischen Indianern und WarlpiriâAborigines in Australien. Zudem sind die GebĂ€rdensprachen aufgrund ihrer Besonderheiten fĂŒr Linguisten ein hochinteressantes Forschungsgebiet.
GebĂ€rdensprachen sind vollwertige Sprachen, die alle Eigenschaften einer gesprochenen Sprache aufweisen. Sie besitzen eine eigene Grammatik, wobei der GebĂ€rdenraum â der Raum vor dem Körper des GebĂ€rdenden â eine groĂe Rolle spielt. Jede einzelne GebĂ€rde kann phonologisch in Phonemen zerlegt werden, die in den vier Parametern Handkonfiguration, Handorientation, Bewegung und LokalitĂ€t zusammengefasst sind. Ferner spielen Körperhaltung, Bewegungsdynamik, Mimik und manchmal ein lautlos mitgesprochenes Wort zusĂ€tzliche Rollen.
Es hat sich eine Konvention etabliert, eine eigene GebĂ€rdensprache in jedem Land mit eigenem KĂŒrzel zu bezeichnen. Unter anderem:
âą DGS fĂŒr die Deutsche GebĂ€rdensprache
âą ĂGS fĂŒr die Ăsterreichische GebĂ€rdensprache
âą DSGS fĂŒr die Deutschschweizer GebĂ€rdensprache
âą ASL fĂŒr die in den USA und Kanada verbreitete American Sign Language
âą LSF fĂŒr die Frankreich verbreitete Langue des signes française
âą LSE fĂŒr die in Spanien verbreitete Lengua de Signos Española
âą LIS fĂŒr die Italien verbreitete Lingua dei Segni Italiana
Die Entwicklung einer GebĂ€rdensprache erfolgte stets unabhĂ€ngig von der umgebenden Lautsprache. Aber es gibt auch einen GebĂ€rdenkode der die GebĂ€rdensprache umgebenden Lautsprache, die im deutschsprachigen Raum als Lautsprachbegleitende(s) GebĂ€rden (LBG) gelĂ€ufig ist, aber anderswo gewöhnlich mit gebĂ€rdetem Englisch, Spanisch, Russisch usw. bezeichnet wird. Es gibt ferner lokale Dialekte, zum Beispiel wird die Deutschschweizer GebĂ€rdensprache (DSGS) in fĂŒnf verschiedenen Dialekte unterteilt: ZĂŒrcher, Berner, Luzerner, Basler und St. Galler-GebĂ€rdendialekt. Die am weitesten verbreitete GebĂ€rdensprache dĂŒrfte die American Sign Language (ASL) sein, die nicht nur in Nordamerika, sondern auch in meisten karibischen Inseln, einigen mittelamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Nationen verbreitet ist.
Die GebĂ€rdensprache wird in einigen LĂ€ndern als Minderheitensprache anerkannt, so in Ăsterreich durch die Bundesverfassung (Art. 8, Abs. 3). Die GebĂ€rdensprache in Uganda ist verfassungsmĂ€Ăig anerkannt, und die NeuseelĂ€ndische GebĂ€rdensprache (NZSL) ist eine offizielle Amtssprache Neuseelands. Im Schweizer Kanton ZĂŒrich ist die GebĂ€rdensprache im Sinne der Sprachenfreiheit verfassungsmĂ€Ăig anerkannt. In einigen LĂ€ndern werden durch Gesetze oder Regelungen GebĂ€rdensprach-Dolmetschdienste im Umgang mit Behörden oder Gericht angeordnet. Die GebĂ€rdensprache wird zunehmend als Fremdsprache in den UniversitĂ€ten oder Volkshochschulen gelehrt.
Lautsprache
Ein Teil der schwerhörigen und gehörlosen Menschen verstehen die Laut- und damit oft auch die Schriftsprache nicht so gut wie Normalhörende. Texte sollten deshalb barrierefrei sein und eine einfache Sprache verwenden.
In der Deutschschweiz wird gehörlosen Menschen Schweizer Hochdeutsch gelehrt, diese beherrschen in der Folge nur schlecht bis gar kein Schweizerdeutsch, es sei denn, das Schweizerdeutsche wird auf privater Ebene gelehrt. Das fĂŒhrt zur Situation, dass im Verkehr mit hörenden Menschen Hochdeutsch gesprochen wird, das Schweizer oft nur passiv beherrschen. Dadurch wird die Kommunikation zusĂ€tzlich erschwert. Die Muttersprache von Schweizer Codas ist in der Folge nicht Schweizerdeutsch, sondern Schweizer Hochdeutsch, neben der GebĂ€rdensprache. Eine Ă€hnliche Situation ist aus Luxemburg und SĂŒdtirol bekannt, dort wird gehörlosen Kindern Deutsch als Erstsprache beigebracht, die weiteren landesĂŒblichen Sprachen werden folglich schlecht oder gar nicht beherrscht.
Schulische Erfassung und Bildung
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Hauptartikel
:
Geschichte der Gehörlosen
Die frĂŒhkindliche Taubheit beeintrĂ€chtigt den Spracherwerb, weil rund 90 % tauber Kinder Eltern haben, die hören können und keine GebĂ€rdensprachkenntnisse aufweisen. Ihre Erziehung und schulische Bildung sind zumeist monolingual in der Landessprache und oral ausgerichtet, oft unter Vermeidung bzw. UnterdrĂŒckung der GebĂ€rdensprache.
Die besonderen Schulen, die sich der Erziehung tauber Kinder widmen, gewannen damit eine weit ĂŒber die Bildung hinausgehende Bedeutung als Entstehungshort einer kulturellen Gemeinschaft tauber Menschen.
Bereits im 18. Jahrhundert bildeten sich zwei gegensĂ€tzliche UnterrichtsansĂ€tze heraus, ob taube Kinder monolingual in der Landessprache oder bilingual mit Zusatz von GebĂ€rdensprache unterrichtet werden sollten: die französische Methode von AbbĂ© de lâEpĂ©e und die deutsche von Samuel Heinicke. Um die Wirksamkeit und die NĂŒtzlichkeit der beiden AnsĂ€tze entbrannte ein Streit, der bis heute andauert. Er ist als der âMethodenstreitâ zwischen der âdeutschenâ oder âoralenâ Methode und der âfranzösischenâ, gebĂ€rdensprachlichen Methode bekannt worden.
Der Streit fand beim MailĂ€nder Kongress von 1880 seinen Höhepunkt. Dort entschieden sich fĂŒhrende PĂ€dagogen in einer Resolution, dass alle tauben Kinder ausschlieĂlich lautsprachlich geschult werden sollen. Fortentwicklungen der Medizin und der Technik suggerierten die jeweils bald bevorstehende Heilbarkeit von Taubheit und wirkten zusĂ€tzlich fördernd fĂŒr die âoraleâ Methode. In den 1950er Jahren wurde schlieĂlich die so genannte auditiv-verbale Methode entwickelt, bei der taube Kinder nicht mehr nur artikulieren und Lippenablesen lernen, sondern â sofern Hörreste vorhanden waren â auch das Hören trainieren sollten. Die Auseinandersetzung hat sich an den Sonderschulen jetzt verlagert auf die PolaritĂ€t zwischen rein lautsprachlich orientiertem Monolingualismus und dem Bilingualismus, der neben dem Gebrauch der GebĂ€rdensprache fĂŒr die parallele Lehre und Verwendung der Lautsprache plĂ€diert.
Die aktuellen AnsĂ€tze zur schulischen Bildung gehörloser Kinder sind mittlerweile sehr differenziert geworden. Im deutschsprachigen Raum war bisher die Beschulung in einer Sonderschule fĂŒr Gehörlose oder â bei gröĂerem Resthörvermögen â einer Schule fĂŒr Schwerhörige der Standard. Um das Jahr 2000 herum standen in Deutschland fĂŒr schĂ€tzungsweise 10.000 bis 20.000 taube oder hochgradig schwerhörige SchĂŒler etwa 60 Sonderschulen zur VerfĂŒgung. Das Rheinisch-WestfĂ€lische Berufskolleg fĂŒr HörgeschĂ€digte in Essen ist die gröĂte Sonderschule fĂŒr Schwerhörige und Gehörlose in Deutschland und fĂŒhrt BildungsgĂ€nge bis zur Fachhochschulreife und zur allgemeinen Hochschulreife. Die Schule wird von ca. 900 SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern aus ganz Deutschland, zum Teil auch aus dem deutschsprachigen Ausland besucht. Die weltweit einzige VolluniversitĂ€t speziell fĂŒr Schwerhörige und Gehörlose ist die Gallaudet University in Washington, D.C., die etwa 1700 Studenten hat und seit 1988 auch von Gehörlosen geleitet wird.
Wegen der geringen Klassenfrequenzen lokaler Schulen bestimmten vor allem die schwĂ€cheren Kinder das Niveau an den Sonderschulen. Dies fĂŒhrte zunĂ€chst zu einer Abwanderung von den Gehörlosenschulen zu den Schwerhörigenschulen. Inzwischen hat sich, ausgehend von den körperbehinderten Kindern, der Gedanke der Integration auch auf das Feld der HörgeschĂ€digten ĂŒbertragen, mit der Folge eines Trends zur Abwanderung an die Regelschule.
BegĂŒnstigt wird diese Diversifizierung in Deutschland auch davon, dass letztlich die Eltern bestimmen können, welche Schule ihr Kind besucht, und diese das in ihren Augen gegebene Optimum zu wĂ€hlen versuchen. Bei den Schulbehörden in Deutschland wird verschiedentlich auch der Regelschulbesuch mit dem Argument der âIntegrationâ offensiv gefördert, wobei im Hintergrund jedoch oft die Erwartung der KostendĂ€mmung durch Einsparungen von Sonderschul-PĂ€dagogen und separaten Schulen steht.
Der âintegrativeâ Schulbesuch an einer Regelschule hat keine einheitliche Fassung, es gibt neben dem sonderpĂ€dagogisch völlig unbegleiteten Regelschulbesuch noch den sonderpĂ€dagogisch und/oder von einer GebĂ€rdensprachdolmetscherin begleiteten Schulbesuch sowie sehr vereinzelt auch das Konzept der âumgekehrtenâ Integration, bei der in eine Sonderschule nicht behinderte Kinder aufgenommen werden.
Je weniger sonderpĂ€dagogische oder sprachliche UnterstĂŒtzung bei einem âintegrativenâ Regelschulbesuch erfolgt, umso mehr ist der Erfolg dieses Schulbesuchs von besonders hoch entwickelten FĂ€higkeiten und Talenten des Kindes abhĂ€ngig. UnberĂŒcksichtigt bleibt bei der Diskussion der integrativen Beschulung in der Regel die âGefĂŒhlslageâ des Kindes, das im Klassenverband der anderen Kinder mehr oder weniger eine Sonderstellung einnimmt, die zusĂ€tzlich zum Unterrichtsstoff auch psychisch verarbeitet werden muss.
Freizeit-, Sport- und Kulturvereine
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Hauptartikel
:
Gehörlosenkultur
Da taube Personen durch ihre Kommunikationsbehinderung in der Gesellschaft hĂ€ufig isoliert sind, werden soziale Kontakte gern innerhalb von Gehörlosenkreisen gepflegt. Die ĂŒber Jahrhunderte hinweg gepflegte Gemeinschaft mit gleichartig Betroffenen fĂŒhrte zumindest im auĂerberuflichen, privaten Bereich zur Entwicklung einer eigenen Kultur.
Zur speziellen Kultur der Gehörlosen gehört neben der GebĂ€rdensprache beispielsweise, dass es in sĂ€mtlichen gröĂeren StĂ€dten einen Verein und einen festen Treffpunkt, oft âClubheimâ genannt, gibt. Stark entwickelt ist zudem der Gehörlosensport. So werden weltweit die Deaflympics jeweils ein Jahr nach den Olympischen Spielen veranstaltet.
Auch in den âschönen KĂŒnstenâ haben sich eigene Strukturen gebildet, so z. B. mit dem Gehörlosentheater, GebĂ€rdensprachchören und den Kulturtagen der Gehörlosen.
Wichtiger Bestandteil der Gehörlosen-Kultur sind auch deren meist hörende Kinder, die der Gemeinschaft oft lebenslang verbunden bleiben und auch ihre eigenen Vereinigungen haben. Sie sind international unter dem Akronym CODA â Children of Deaf Adults â bekannt.
Gehörlose, die in der Gehörlosen- und GebĂ€rdensprachgemeinschaft leben, lehnen medizinische und juristische Definitionen von Gehörlosigkeit ab, nach denen sie unvollstĂ€ndig, reparaturbedĂŒrftig und behindert sind. Nach ihrem SelbstverstĂ€ndnis handelt es sich bei der Gehörlosengemeinschaft um eine sprachliche und kulturelle Minderheit.
Interessenvertretungen
Als politische, soziale und kulturelle Interessenvertretung der Gehörlosen im deutschsprachigen Raum betrachten sich der Deutsche Gehörlosen-Bund e. V. (DGB), der Ăsterreichische Gehörlosenbund (ĂGLB), der Schweizerische Gehörlosenbund (SGB) und der Weltverband der Gehörlosen (WFD).
Als politische und soziale â jedoch nicht kulturelle â Interessenvertretung im deutschsprachigen Raum fĂŒr lautsprachlich kommunizierende HörgeschĂ€digte bzw. HörbeeintrĂ€chtigte betrachten sich der deutsche Förderverein LKHD â Lautsprachlich Kommunizierende HörgeschĂ€digte Deutschland e. V. (Kurzform Förderverein LKHD oder auch LKHD) und die Schweizer Selbsthilfeorganisation lkh.ch, Lautsprachlich Kommunizierende HörbeeintrĂ€chtigte (lkh.ch, vormals LKH Schweiz).
Kommunikation mit Lautsprache
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Hauptartikel
:
Auditiv-verbale Erziehung
Zum Verstehen lautsprachlicher Informationen sind gehörlose Personen auf das Lippenlesen und/oder auf technische Hilfsmittel angewiesen. Sowohl visuell von den Lippenstellungen wahrnehmbare Sprechtöne als auch die eventuell mit Hilfsmitteln gehörten Töne sind fĂŒr sie nur bruchstĂŒckhaft wahrnehmbar. Die ĂŒbermittelte Information muss daher teilweise âerratenâ werden, wobei Hinweise aus dem Kontext der Umgebung und aus vorhergehenden SĂ€tzen herangezogen werden. Bei gröĂerem Umfang oder je nach KomplexitĂ€t â z. B. in einem Vortrag â ist das sehr anstrengend bis gar unmöglich.
Vielfach wird bei nicht direkt therapierbarer Taubheit als medizinische MaĂnahme eine technische Hörhilfe verschrieben bzw. angewendet. Technische Hörhilfen sind das HörgerĂ€t sowie die chirurgisch eingesetzten Cochlea- (CI) und Hirnstamm-Implantate (Auditory Brainstem Implant, ABI). Der Erfolg dieser technischen Hilfsmittel ist individuell sehr unterschiedlich. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit können die derzeit bekannten Hörhilfen nicht den Umfang und die Differenzierung von Tönen und GerĂ€uschen vermitteln, wie sie ein Mensch mit normalem Hörvermögen hat.
Das fĂŒhrt dazu, dass Hörhilfen allein zwar ein Hörerlebnis vermitteln, jedoch meist nicht ausreichen, um damit unmittelbar die Lautsprache zu verstehen. Dazu muss der Hörhilfen-Einsatz in der Regel von einem speziellen Training begleitet werden. Das hörgeschĂ€digte Kind ist daher nicht nur auf technische Hilfsmittel, sondern auch auf eine spezielle Hör- und Sprecherziehung angewiesen, mit der â je nach Begabung und Ăbung â die Lautsprache erlernt werden kann. FĂŒr die eigene Sprech-Schulung ist die auditive RĂŒckkopplung oft nicht genĂŒgend nuanciert und die komplexe Kontrolle des Sprechapparates ist schwierig.
Dank besserer Förderungsmöglichkeiten gelingt es immer mehr Gehörlosen, die Lautsprache so weit zu beherrschen, dass ein dauerhafter sozialer Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft entsteht. Dazu haben sich im deutschsprachigen Raum im Kreis dieser sogenannten âLautsprachlich kommunizierenden HörgeschĂ€digtenâ auch eigene Vereine mit vereinsinternen AktivitĂ€ten gegrĂŒndet.
Filme/Musik im Kontext
âą Verkannte Menschen ist ein Dokumentarfilm ĂŒber das Leben Gehörloser aus dem Jahr 1932, der 1934 von den Nazis verboten wurde.
âą Gottes vergessene Kinder (Children of a Lesser God) (Spielfilm, USA, 1986) ist ein Filmdrama und Liebesfilm von Randa Haines aus dem Jahr 1986. Ausgezeichnet mit zahlreichen Filmpreisen (Oscar, Golden Globe u. a.).
âą Jenseits der Stille (Spielfilm, Deutschland, 1996). Ein Kind gehörloser Eltern entdeckt die Musik und wird erwachsen â ein Film ĂŒber das Leben, die Liebe und den Klang des Schnees. Nominiert fĂŒr den Oscar.
âą Tatort: Totenstille (Fernsehfilm, Deutschland, 2016). Im SaarbrĂŒcker Tatort taucht der Ermittler ein in die Welt der Gehörlosen und bekommt es mit zwei Leichen zu tun. Das Drehbuch entstand unter Beteiligung der Lippenleserin Julia Probst.
âą A Silent Voice (Anime, Japan, 2016), ist ein Anime, der auf der gleichnamigen Manga-Vorlage beruht und die Geschichte der gehörlosen Shoko Nishimiya erzĂ€hlt, die sie mit ihren MitschĂŒlern und speziell Shoya Ishida erlebt. - Das Projekt wurde vom japanischen Gehörlosenbund unterstĂŒtzt und u. a. mit dem Osamu-Tezuka-Kulturpreis ausgezeichnet.
âą Das Lied Musik, nur wenn sie laut ist von Herbert Grönemeyer (Album Gemischte GefĂŒhle) handelt von einem betroffenen MĂ€dchen.
⹠Die Serie Switched at Birth handelt von zwei MÀdchen, die nach der Geburt vertauscht wurden. Eine von den beiden wurde im Alter von drei Jahren taub, die Gehörlosigkeit wird mehrfach und unter verschiedenen Aspekten thematisiert.
âą Die kanadisch-US-amerikanische Fernsehserie Sue Thomas: F.B.I. (2002â2005) ist eine Reihe ĂŒber die erste gehörlose FBI-Agentin Sue Thomas, dargestellt von der ebenfalls Gehörlosen Schauspielerin Deanne Bray.
âą Verstehen Sie die BĂ©liers? (Originaltitel: La famille BĂ©lier) ist eine französische Filmkomödie von Ăric Lartigau aus dem Jahr 2014. Sie thematisiert das Leben einer gehörlosen Familie, die im Alltag auf die Hilfe der hörenden Tochter angewiesen ist. Als diese ein Gesangsstipendium erhĂ€lt und nach Paris gehen will, wird die AbhĂ€ngigkeit zum Problem.
âą Coda von 2022
Siehe auch
Literatur
âą Bernd Ahrbeck: Gehörlosigkeit und IdentitĂ€t. Probleme der IdentitĂ€tsbildung Gehörloser aus der Sicht soziologischer und psychoanalytischer Theorien (= International studies on sign language and the communication of the deaf. Band 22). 2., ĂŒberarbeitete Auflage. Signum-Verlag, Hamburg 1997, ISBN 3-927731-37-4.
âą Fiona Bollag: Das MĂ€dchen, das aus der Stille kam. Verlag Ehrenwirth, Bergisch Gladbach 2006, ISBN 3-431-03685-6 (Lebensgeschichte einer ehemaligen SchĂŒlerin von Susann Schmid-Giovannini)
âą Eckhard Friauf: Neuronale Grundlagen der Wahrnehmung - die âkritische Periodeâ in der frĂŒhkindlichen Entwicklung. UniversitĂ€t Kaiserslautern [1]
⹠Oliver Sacks: Stumme Stimmen: Reise in die Welt der Gehörlosen. 6. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001, ISBN 3-499-19198-9.
⹠Susann Schmid-Giovannini: Vom Stethoskop zum Cochlea-Implantat. Geschichte und Geschichten aus einem sechzigjÀhrigen Berufsleben. Verlag S. Schmid-Giovannini, Meggen 2007
⹠Manfred Spreng: Physiologische Grundlagen der kindlichen Hörentwicklung und Hörerziehung. Arbeitsgruppe Biokybernetik, UniversitÀt Erlangen [2]
Weblinks
Commons
: Gehörlosigkeit
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âą Sonos Schweizerischer Hörbehindertenverband, Dachverband fĂŒr Organisationen im Hörbehindertenwesen
Einzelnachweise
cite-note-11. â JĂŒrgen Martin: Die âUlmer Wundarzneiâ. Einleitung â Text â Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 1991 (= WĂŒrzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation WĂŒrzburg 1990), S. 181.
cite-note-akk-22. â Siegfried Priglinger, Josef Zihl: Sehstörungen bei Kindern: Diagnostik und FrĂŒhförderung. 1. Auflage. Verlag Springer, Vienna 2007, ISBN 978-3-211-83608-8, S. 113, 169ff.